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im gleichklang - tagesspiegel

tagesspiegel artikel vom 1. märz 2002 von nora sobich

Der Schaukelstuhl "re-tire" lässt sich mit einem auf Kufen schwingenden Baby-Bett ergänzen

Für den bequemen Einstieg betritt man am besten die vordere Kufe und holt sich mit leichter Hebelwirkung die Armlehnen heran. Dann eine Drehung, Platz nehmen und schon beginnt man zu schwingen. "re-tire" heißt der Schaukelstuhl des Berliner Designbüros "e27". Nacktes Stahlrohr bespannt mit Binsengeflecht. Ein Objekt ganz pur, ohne Schnickschnack und Schnörkel. Das filigrane Leichtgewicht ist konzipiert für drinnen und draußen, für die Kaminecke, als Esszimmer- oder Bürostuhl. Und anders als viele seiner Schaukelkollegen ist "re-tire" kein raumschluckender Einzelgänger. Man kann ihn sogar als Konferenzstuhl einsetzen, denn er läßt sich Platz sparend übereinander stapeln.

Dem Designbüro "e27", das bereits eine Serie von "Re"-Objekten entworfen hat - wie etwa den formflexiblen Sitzsack "re-form" -, geht es weniger darum, Objekte von Grund auf neu zu erfinden, als schon Gedachtes in einen neuen Kontext zu stellen. "Die "Re"-Idee kommt nicht von Recycling oder Redesign, sondern von Reframing", meint Fax Quintus, der gemeinsam mit Tim Brauns und Hendrik Gackstatter das Büro "e27" betreibt, das sich seit 1993 in verschiedenen Design-Sparten etabliert hat und unter anderem gerade die neue Website für den Architekten Daniel Libeskind konzipiert hat (http://www.daniel-libeskind.com).

Die Basis-Konstruktion von "re-tire" geht auf einen 50er Jahre Gartenstuhl zurück, den die e27-Designer vor zwei Jahren zufällig auf dem Flohmarkt entdeckten. Dem Modell haben sie ein weit schwingendes Kufengestell untergeschraubt, die Sitzgeometrie so weit optimiert, dass man in "re-tire" wie in einem normalen Stuhl senkrecht sitzen kann, und er auch von ergonomischen Gesichtspunkten her bestens funktioniert.

Das Gestell von "re-tire" gibt es aus purem Edelstahl und auch mit einer Pulverbeschichtung in warmem Karminrot.

Die Bespannung ist entweder aus naturfarbenem oder dunkelbraunem Binsengeflecht. ersteres wirkt hell und licht wie ein Strandkorb am Meer. letzteres eher elegant und klassisch. "Wir haben mit dem hellen, sommerlichen Binsen angefangen", sagt Fax Quintus, "weil wir diese Leichtigkeit erzeugen wollten. Das dunkle Braun gefällt uns jetzt fast besser, weil wir ihn damit von dieser Gartenstuhlästhetik wegkriegen." Der Schaukelstuhl ist ein freies Projekt der Designer. Von der Idee über die Gestaltung der einzelnen Parameter wie der Bespannung bis zur Recherche, wo man was herstellen lassen kann, hat das Büro alles in Eigenregie entwickelt. Nicht zuletzt auch die Vermarktung des Stuhls, der in diversen Berliner Möbelläden angeboten wird. "re-tire" hat inzwischen sogar Gesellschaft bekommen. Mit Lederriemchen lässt sich wie bei einer alten Sportkarre an das Kufengestell die Wiege "re-babe" dazuschnallen. Es ist ein rechteckiges Bettchen, das ebenfalls auf dezent geschwungenen Kufen steht. "Wir hatten noch kein Geburtstagsgeschenk für Fax", erzählt Tim Brauns die Entstehungsgeschichte des hübschen Kombinationsmöbel, "und da Fax gerade Vater wurde, ist tatsächlich innerhalb von zwei Wochen die Wiege entstanden."

Das Schaukelduo aus Stuhl und Wiege sieht bezaubernd aus und ist sehr praktisch, weil Eltern und Baby (bis acht Monate) harmonisch im Gleichklang miteinander schaukeln können. Auch Schauspielerin und Mutter Veronika Ferres besitzt ein "re-tire/re-babe"-Set, dass sie begeistert "eine Wiege mit angedocktem Stillstuhl" taufte.

In der nächsten Zeit werden noch weitere so genannte Adapter für "re-tire" entstehen und damit die Nutzungsmöglichkeiten des Stuhls erweitert werden. Ein Cup-Holder, ein Zeitungsständer und so etwas wie ein kleiner Beistelltisch. "Der Schaukelstuhl ist so wenig gestaltet und pur, dass jedes Teil, das man zusätzlich andockt, die Ästhetik nicht etwa stört, sondern einen Einklang erzeugen kann", meint Tim Brauns und schraubt mit einer einfachen Rohrschelle einen kleinen Sonnenschirm an die Lehnen eines der vielen Prototypen, die bei ihnen im Büro stehen. Vielleicht wird auch noch ein Kissen zum Andocken dazukommen, weil die hohen Lehnen von "re-tire" sehr bequem für stillende Mütter sind. Doch warum überhaupt einen Schaukelstuhl entwerfen?

"Neue Gemütlichkeit" nennen die Designer von e27 ihren neuen Wohnansatz, zu dem auch ihr reduzierter Schaukelstuhl gehört. "Gemütlichkeit" möchten sie nur nicht mit Heimeligkeit verwechselt wissen.

"Es geht uns um eine Gemütlichkeit, die von den klassischen Assoziationen wie Rustikalität, Hüttenromantik, 60er Jahre-Plüschdecken oder indischen Seidentüchern abstrahiert ist", meint Fax Quintus: "Wir sind keine Esoteriker, die nun die Möbel auspendeln." Aber sie haben auch nichts übrig für kühle, durchgestylte Designerwohnungen, in denen lauter Möbel stehen, "die etwas von einem wollen."

Deswegen haben sie ausgerechnet "die Ikone der alten Gemütlichkeit ausgemistet, umgebaut und in eine neue Form der Gemütlichkeit transformiert. "Warum das Kippeln verbieten, wenn das Schaukeln erlaubt ist!", heißt es bei ihnen im Pressetext. also keine pädagogischen Benimmregeln mehr wie sie noch beim Zappel-Philipp im guten, alten "Struwwelpeter" Parole waren: "Er gaukelt / Und schaukelt / Er trappelt / Und zappelt / Auf dem Stuhl hin und her./ Philipp, das mißfällt mir sehr!" Sondern jeder, wie er mag, frei und ungezwungen.

Unter "re-tire", wörtlich übersetzt Ruhestand, verstehen die Designer von e27 , "dass man keine Hektik und keine Anforderungen hat, so gelassen im Stuhl schaukelt, wie es eigentlich nur ein Rentner richtig toll kann." Tatsächlich wurde die wohltuende Wirkung des Schaukelns für Gemüt und Seele vor einigen Jahren an Rentnern wissenschaftlich untersucht und bewiesen. Professoren der Universität in Rochester/New York haben dreißig Testpersonen aus einem Altersheim drei Wochen lang täglich einige Runden schaukeln lassen. Die Teilnehmer, die mindestens 80 Minuten schaukelten, fühlten sich danach deutlich besser als ihre Kollegen, die derweil auf dem Sofa gesessen hatten. Wenn es so gut klappt, warum also warten, bis alle Schaukelstuhl-Klischees erfüllt sind. Warum nicht jetzt schon zur neuen Gemütlichkeit greifen, die freie Beweglichkeit in die Wohnungen zurückholen und sich gemächlich entschauckeln.




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