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made in berlin - young creative industries

frankfurter allgemeine zeitung vom 03.03.2002

Es tut sich was! Am vergangenen Wochenende zeigten Berliner Designer erstmals gemeinsam ihre Entwürfe. Die Mitspieler des neuen Labels "Young Creative Industries" planen Großes in Sachen Design für die Hauptstadt.

(vorab ein auszug)

...ein umfassenderes Verständnis von Design praktiziert hingegen das Büro "e27". Dahinter stehen drei junge Männer, die Produkte wie die Schaukelstuhl-Wiege "re-tire" entwerfen, vor allem aber Imagekonzepte für Firmen entwickeln und Websites gestalten. Zugleich beteiligt sich "e27" an dem transdisziplinär orientierten Label "Young Creative Industries" (YCI). Das Konzept YCI wurde im vergangenen Jahr von der Agentur für Hauptstadt-Marketing "Partner für Berlin" als ein loses Netzwerk von Designern, Architekten, Filme- und Modemachern, sowie Mitspielern aus Bereichen der New Media, der sogenannten Club-Label-Music- und Event&-Festival-Szene ins Leben gerufen. Mit Hilfe dieses kreativen Potentials wird die Stadt Berlin jetzt bei diversen Veranstaltungen im Ausland repräsentiert...

(im folgenden der ganze artikel)

Werner Aisslinger, der internationale Star unter den Berliner Designern, erschien nur kurz auf der "H.O.M.E.-Depot"-Messe. Unterstützt von drei Assistenten verklebte er die Glastüren seines Showrooms bis auf einen schmalen Schlitz mit hellblauer Pappe. Im Inneren arrangierte er zwei rote Neonlichter, ein weißes Sideboard und seine berühmte, von "Zanotta" produzierte "soft cell"-Liege. Auf einem kleinen Reisefernseher flimmerte dazu ein Arte- Dokumentarfilm über Aisslingers Arbeit. Die Inszenierung wirkte wie eine leicht ironische Gestaltung seiner Nicht-Anwesenheit. Aber auch wie das Sympathiebekenntnis eines Etablierten zur kreativen Subkultur Berlins.

Über zwanzig junge Berliner Designbüros hatten am vergangenen Wochenende bei der "H.O.M.E.-Depot"-Messe im "The Media Centre" mitgemacht, einem zum vollvernetzten Medienzentrum sanierten Bürogebäude in der Johannisstraße in Berlin Mitte. Veranstalter war die Wohn- und Lifestyle-Zeitschrift "H.O.M.E.", die bereits im vergangenen Jahr eine ähnliche Messe mit Erfolg in Wien organisiert hatte. Für die Berliner Designer war die gemeinsame Präsentation eine Premiere. Man sucht gezielt nach Gelegenheiten, sich auch außerhalb der Feuilletons als eine lebendige und stetig wachsende "Szene" zu präsentieren. Die Begeisterung war groß. Keiner störte sich daran, dass die Messe drei Tage kürzer ausgefallen war, als ursprünglich geplant. Unwichtig schien es auch, dass fast alle der eingeladenen Hersteller und Einrichtungshäuser abgesagt hatten. Selbst die kursierende Kritik, "Berlin sei vielleicht noch nicht reif für eine solche Messe", wurde cool hingenommen.

"Gut, dass es überhaupt so etwas gibt", findet der 37jährige Lorenz Wiegand vom deutsch-französischen Designbüro "Pool products". Wiegand hatte für sich und seine von "artificial" produzierten weißen Lampions einen besonders schönen Platz auf der Messe ausgesucht. Mitten im tropisch begrünten, mit einer mächtigen Glaskuppel überdachten Johannishof des Mediencenters. Man fühlte sich berlinfern, wie in einem exotischen Gewächshaus. Zwischen meterhohen Palmen war eine Cocktailbar aufgebaut, standen graue Loungingchairs, auf denen es sich die nicht gerade in Massen erschienenen Design-Enthusiasten clubmäßig bequem machten.

Im Quadrat um die grüne Oase luden die einzelnen Showrooms zum Rundgang. Gesprächsfreudig standen die Designer neben ihren Entwürfen und zeigten ein breites Spektrum an Produkten und Ideen. Manche suchen noch Produzenten, andere vermarkten sich selbst. "roomsafari" nennt sich eins der neuen Berlinlabels, unter dem vier Designer eine bunt charmante Kollektion von Artikeln für die "entspannte Freizeit" vertreiben. Die Beachball-Schläger, Steh-Lampen oder Segel-Flugzeuge verbindet eine eigenwillige Poesie. Sie wirken vertraut wie wiederentdeckte Fetischobjekte aus der Kindheit und spielen mit dem im Trend liegenden Retrofieber.

Einen Doppel-Showroom hatte der Designer Flipp Sellin. Er zeigte zwei neue, elegante Entwürfe – die aus Beistelltischen und hochgestellten Matratzenmöbeln bestehende "Nullserie" und das Sofa "Link". Letzteres hatte er gerade mit "guten Resonanzen" auf der Kölner Möbelmesse vorgestellt. Es sind handwerklich durchgearbeitete Prototypen, die mit ihrer Bodennähe und den harmonischen Proportionen sehr asiatisch wirken und einen ästhetischen Anklang an die Siebziger vermitteln. Sellin war einer der Aussteller, der dem klassischen Bild eines Möbeldesigners, der sich vom perfekten Handwerk leiten läßt, noch am Nahesten stand.

Ein umfassenderes Verständnis von Design praktiziert das Büro "e27". Die drei "e27"-Designer entwerfen Produkte wie die Schaukelstuhl-Wiege "re-tire", entwickeln vor allem aber Imagekonzepte für Firmen oder gestalten Websites. Das Büro "e27" macht auch bei dem transdisziplinär orienierten Label "Young Creative Industries" (YCI) mit. Das Konzept "YCI" wurde im vergangenen Jahr von der Agentur für Hauptstadt-Marketing "Partner für Berlin" als ein loses Netzwerk von Designern, Architekten, Filme- und Modemachern, Mitspielern aus Bereichen der "New Media", der "Club, Label, Music"- und "Event & Festival"-Szene ins Leben gerufen. Mit Hilfe dieses kreativen Potentials wird die Stadt Berlin jetzt bei diversen Veranstaltungen im Ausland repräsentiert.

Einer der Initiatoren der "YCI" ist Nick Hafermaas, hauptberuflich Geschäftsführer der Berliner Firma "Triad", die etwa auf der Expo 2000 den Bertelsmann-Auftritt inszeniert hat. Hafermaas kuratiert gemeinsam mit Mateo Kries vom "Vitra Design Museum" die Designer des neuen Labels. Er sieht im Unterschied zur Tradition der Ulmer Hochschule Berlin-Design nicht mehr vorwiegend im Industriedesign angesiedelt. Gerade die Lust zwischen den einzelnen Teilbereichen zu experimentieren, hält Hafermaas, für Berlin spezifisch. Hafermaas hat Energie und noch viel in der "Pipeline", wie die gemeinsame Planung einer "Designbiennale". Sie war bereits für diesen Herbst angestrebt, wird jetzt aber aus Finanzierungsgründen in einer anderen Form stattfinden. Wie die aussehe, wolle er noch nicht sagen. Nur dass es darum gehe, Berlin im Bereich Design auf der Europa-Landkarte besser zu verorten und zu vernetzen.

Doch Lifestyle- und Image-Lables hin oder her, was Berliner Designer verbindet, ist ihre Vielfältigkeit, die Lust am Experimentieren und die Möglichkeit, die viel beschworenen Freiräume der Stadt zu nutzen. Berlin-Design ist ein breiter Bogen, gespannt von Glamour, Anfängereuphorie bis Volldaneben. Es ist sowohl Werner Aisslinger, dessen "juli chair" bereits in der ständigen Ausstellung des "Modern Museum of Art" in New York steht. Es sind aber auch die beiden Neulinge Wilm Fuchs und Kai Funke, die gerade erst ihr Diplom auf der "Universität der Künste" in Berlin gemacht haben und jetzt als Tüftler im positiven Sinne mit Materialien, Formen und Fantasien spielen. Berlin-Design ist schließlich auch die absurde Idee eines Rutschschreibtisches für gestreßte Manager, die mit Hilfe dieses Kindergartenmöbels beflügelt von neuen Inspirationen über ihre Aktenberge rutschen sollen.

Oliver Vogt von dem renommierten Büro "Vogt & Weizenegger", das auch bei den "YCI" eingebunden ist, beschreibt seine Arbeit als eine Art Auspendeln zwischen Spiel- und Standbein. Zu letzterem gehört neben Consulting, Corporate-Industriell-Design auch ihr aktuell für die Marke "Thomas" von "Rosenthal" entworfenes Service "Units", "ein Angebot an den eklektischen Haushalt." Die klassische Fülle von 24 Geschirr-Teilen ist hier auf sechs reduziert. Die Tassen sind ohne Henkel und geben dem englisch vornehmen Abspreizen des kleinen Fingers keine Chance mehr. "Units" ist ein edles Massenprodukt. Solche Aufträge sind schon deswegen wichtig, weil mit ihnen nicht kommerziell angedachte Arbeiten realisiert werden können, wie das inzwischen international erfolgreiche Projekt "Die Imaginäre Manufactur" (DIM). Dass man sich besonders in Berlin solche Spielwiesen gönnt, sei typisch und eine Kultur, glaubt Vogt, die wenig andere Städte zu bieten haben.

NORA SOBICH


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