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orthopädietechnik - die prothese bekommt flügel

Orthopädietechnik 8/98

Tim Brauns
Die Prothese bekommt Flügel

Es ist für beide Seiten gleichermaßen schwer, mit einer Prothese umzugehen. Sowohl für denjenigen, der die Prothese trägt, als auch für denjenigen, der ihr gegenübersteht. So ist nicht eindeutig zu sagen, ob die Problematik im ungewohnten Umgang liegt, weil die Prothese weitgehend versteckt und verleugnet – und dann doch sehr schnell sichtbar wird. Die Mischung aus Neugier, Mitleid, Scham und Angst liegt weder für den einen, noch für den anderen im gewohnten Emotionsspektrum.

Die Prothetik hat seit vielen Jahren kaum Impulse jenseits technischer Neuerungen erhalten. In der Prothetik wird immer noch –trotz oder gerade mit High-Tech– versucht, das menschliche Körperteil funktional und ästhetisch nachzuahmen, eine möglichst genaue Kopie der Natur zu erstellen. Das ist sicherlich in vielen Fällen hilfreich, jedoch ist nicht zu erwarten, daß diese Kopien dem Original in seiner Komplexität, Universalität und Perfektion jemals gerecht wird.

In einigen Werken der Kunst, Science-fiction und in Comicwelten hingegen wird die Prothese in andere Zusammenhänge gebracht. Sie wird oft als Synonym für zukünftige Technologien und Lebenswelten gesehen, wird zum Symbol für die Überwindung der Grenzen des menschlichen Körpers.

Vision

In einer Zeit, in der der technische Fortschritt so rasant ist, daß die Geschwindigkeit der naturgegebenen Evolution kaum noch ausreicht, um mit dem Wandel der Umweltbedingungen Schritt zu halten, kann die Prothese als Chance gesehen werden. Als Chance, nicht durch die Kopie, sondern durch ein neues und eigenständiges Original, den menschen für das Leben unter veränderten Bedingungen zu präparieren. Als Chance, in einzelnen speziellen Anwendungen und Einsatzbereichen das vormalige Ideal des menschlichen Körperideals zu übertreffen.

Sieht man das Ziel nicht in der Optimierung der Kopie, sondern in der Entwicklung von Originalen, die auf Universalität verzichten, aber gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse befriedigen können, ergibt sich eine Schnittstelle, eine Eingriffsmöglichkeit für die Gestaltung. Eine Möglichkeit, die Prothese für den Betroffenen und auch den außenstehenden Betrachter von einem kaum hinreichenden Ersatzteil zu einem Werkzeug der Begünstigten zu erheben.

Wie wäre es, wenn...

...eine neue Struktur bei der Herstellung von Prothesen eingeführt wird? Der Amputierte wird bei dem Bau seiner Prothese integriert. Er erhält eine erhöhte Identifikation mit seiner Prothese, indem er an der Entwicklung teilhaben kann. Durch die Identifikation mit der Prothese nimmt der Prothesenträger diese leichter an.

...die Prothese nicht mehr eine Kopie des Originals ist. Sie bekommt über die bisherige Funktion hinaus eine weitere Funktion. Diese Zweitfunktion ermöglicht es dem Träger, gegenüber dem Nichtamputierten etwas "besser" zu können als dieser. Durch die Zweitfunktion wird die Prothese leichter akzeptiert.

Zur Überprüfung der beiden Hypothesen sind zwei Prothesentypen in Zusammenarbeit von e27, umweltgestaltung, einem Unterschenkelamputierten und Fachleuten einer orthopädischen Werkstatt erstellt worden. Der Amputierte wurde in der Fertigung seiner eigenen Prothese integriert.

Unter Anleitung der Orthopädie-Mechaniker eignete er sich das theoretische und praktische Know-how an, um seine Prothese selbst zu bauen bzw. Teile anzupassen. Er wurde in der Zusammenarbeit zum Profi für seine eigene Versorgung.

Die erste Veränderung gilt der Struktur zur Herstellung von Prothesen. Üblicherweise werden Prothesen in einer orthopädischen Werkstatt hinter verschlossenen Türen angefertigt.
Der Amputierte wird ausgeschlossen.
Der ungewohnte Schritt, daß der Prothesenträger die Schwelle zur Werkstatt überschreitet, die Werkstatt für ihn transparent und die Orthopädie-Mechaniker zum Infochaniker wird, bedarf natürlich einer gewissen Umstellung für beide Seiten. Wie weit die Integration stattfindet, ist natürlich vom Prothesenträger abhängig bzw. davon, ob er praktisch oder theoretisch in den Prozeß eingreifen möchte. Die zweite Veränderung gilt dem Konzept der Prothese an sich. Wie bereits angeführt, ist es technisch nicht möglich, das Original des menschlichen Körpers in einer Kopie zu erreichen.
Es ist aber denkbar und technisch realisierbar, zusätzliche Funktionen für die Prothese zu erfinden, die mit dem Original eben unmöglich wären. Das "neue Original" ermöglicht dem Träger, etwas besser zu können als andere.

Diese noch theoretischen Ansätze sind zu überprüfen. In einem partizipatorischen Entwurf im Oskar-Helene-Heim, Berlin, mit e27, umweltgestaltung, Mario, dem Prothesenträger und Orthopädie-Mechanikern sind nach drei Wochen Arbeit zwei Prothesen entstanden.

Die Boxthese

"Freiräume" nutzen: Die Boxthese ist auf einer klassischen Hartkosmetik aufgebaut. In der Wade der Prothese ist eine Box integriert, die wie eine Streichholzschachtel funktioniert: Drückt man an der einen Seite, kommt die Box an der anderen Seite der Wade heraus. In der Box können für den Prothesenträger notwendige Ersatzteile untergebracht werden: Ein Silikon Socket, der die Prothese mit dem Stumpf verbindet, und ein Ersatzstrumpf, der den empfindlichen Silikon Socket schützt.

Die Rollthese

Die Rollthese hebt sich funktional und ästhetisch noch stärker von der klassischen Prothese ab. An der Stelle des Prothesenfußes befinden sich die Rollen eines Inlineskaters, auf gleicher Ebene wie der andere Fuß.

Die Rollthese ermöglicht als flexibles Nahverkehrsmittel eine schnellere und kraftsparende Bewegung. Sie ist im Unterschied zu einem Rollschuh aber extrem einfach zu benutzen und bietet auch im Stillstand einen sicheren halt.

Mario hat eine neue Einstellung zu seiner Situation gewonnen. Er ist stolz darauf, an der Herstellung der Prothese beteiligt gewesen zu sein. Auch wenn er in der Box öfter seine Zigaretten oder Kondome aufbewahrt als seinen Silikon Socket.

Er hat die Möglichkeit gewonnen, aus einer stärkeren Position heraus mit seinen Mitmenschen zu interagieren. Er kann mit der Irritation spielen, eine Box aus seiner Wade herauszuschieben oder – wenn er sich nicht danach fühlt – sie weitgehend unsichtbar zu lassen.

Die Rollthese macht ihn erstaunlich schnell und beweglich, ohne daß sein Stumpf überbelastet wird, im Stillstand behält er eine stabile Position, da er mit einem Fuß fest auf dem Boden steht.

Beim Auftreten mit der Rollthese richten sich die Blicke der Fremden auf die Rollthese; sie weckt Neugierde, Interesse und nicht Mitleid und Ablehnung.

Ausblick

Die Ergebnisse der untersuchten Unterschenkelversorgung stellen einen Ansatz der emotionalen Akzeptanz dar. Die emotionale Akzeptanz ist von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren abhängig.

Letztendlich kann sie nur durch ganzheitliche und integrative Maßnahmen auf allen relevanten persönlichen, professionellen und gesellschaftlichen Ebenen ausreichend erhöht werden. Es ist daher wünschenswert, zumindest die Schlüsselfaktoren positiv zu beeinflussen, um langfristig eine "normale Position" in der Gesellschaft zu beziehen.

-Die Erkenntnisse können auf auf andere Körperteile bzw. prothetische Versorgungen übertragen werden, so daß für jeden Prothesenträger die Möglichkeit besteht, auf das Konzept zurückzugreifen.

-Mario kann sich vorstellen, seine neue Sichtweise, die er durch das Projekt angenommen hat, weiter zu vermitteln. Er fährt von Krankenhaus zu Krankenhaus und zeigt den Patienten, wie er mit seiner Situation umgeht. Von wem würde ein Betroffener dies wohl mehr annehmen als von Mario?

-Hat die Strategie zufällig bei Mario funktioniert? Ist er einer von 10.000? In Form eines Workshops mit mehreren Betroffenen und Orthopädie-Mechanikern sollte dies überprüft werden.

-Der Orthopädie-Mechaniker wird vom Handwerker zum Infochaniker: In Zukunft arbeitet er nur noch enger mit dem Prothesenträger zusammen, läßt sich über die Schulter gucken.

-Dieses Projekt soll Visionen schaffen, sowohl für den Betroffenen als auch für den Orthopädie-Mechaniker/Auszubildenden.

Das Projekt stößt auf großes Interesse, es hat drei Wettbewerbe gewonnen, mehrere Prothesenträger würden sich gerne an einem Workshop beteiligen. Wann, wie und wo er stattfindet, ist noch nicht zu beantworten, da e27, umweltgestaltung noch einen Partner sucht, der Interesse an einer Zusammenarbeit hat.


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