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outran - rollthese

Fachzeitschrift OUTRAN 2000

Ein Bericht über die Entstehung und die Zusammenarbeit bei der Entwicklung der Prothese "Rollthese"

Mario Wolf ist neugierig und unterschenkelamputiert.
Tim Brauns ist Orthopädiemechaniker und Designer.
Und beide sind Berliner. Irgendwann haben sich ihre Wege gekreuzt.
Gemeinsam haben sie für Mario eine ganz besondere Prothese angefertigt, eine Rollthese.
Auf den ersten Blick ist es eine Mischung aus einem künstlichen Bein und einem Inlineskate. Genauer betrachtet ist es viel mehr. Tim hat aus alledem eine Diplomarbeit gemacht. Worum es den beiden und ihren Helfern dabei gegangen ist, das sollen sie Euch besser selber erzählen.

Tim Brauns

Wie komme ich auf ein Thema wie Pro- und Orthesen? Weil es eben Sachen gibt, die einen einfach nicht loslassen. Die medizinisch-technischen Ersatzteile begleiten mich schon seit einiger Zeit. Und ich wollte dem Thema nie aus dem Weg gehen: gleichzeitig hat es mich verfolgt. Da ich es bis jetzt nicht geschafft habe, es in meinem Sinne zu bearbeiten, sehe ich in dem Diplom eine Chance dies zu tun. Es waren in erster Linie rein handwerkliche Gründe, die mich dazu bewogen haben, eine Orthopädiemechaniker-Lehre anzutreten. Aber schon in den ersten Tagen ist mir klar geworden, daß dies nicht eine rein praktische Arbeit ist. Die ersten Begegnungen mit Betroffenen waren nicht einfach. Ein Durchschnittlicher, ich, der sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt hat, trifft auf Betroffene. Am Anfang ergaben sich für mich neue Situationen, der Anblick, daß jemand sein Bein ablegt, wie er sein Bein ablegt, wie er damit umgeht, wie er sich ohne fortbewegt... alles war neu. Ich war jetzt nicht Durchschnitt, sondern betroffener Durchschnitt, da meine Aufgabe darin bestand, entweder neue Prothesen zu bauen oder alte anzupassen. Anfangs hatte ich noch Mitleid, was zu einem unnatürlichen Umgang und gekünstelten Gesprächen mit den Amputierten führte. Erst im Laufe der Zeit, als ich meiner Neugierde freien Lauf ließ und die Fragen stellte, die mich wirklich interessiert haben, wurde das Verhältnis entspannter. Selbstverständlich ist auch die Situation für den Amputierten nicht immer einfach, eine Situation, die er sich nicht freiwillig ausgesucht hat. Er muß seinen eigenen Körper neu kennenlernen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch und kostet Kraft.

Das Prothesenlogo

Bei einem Cafebesuch ist mir nach einer Weile ein neongelbes Plakat aufgefallen, auf dem eine klassische Prothese abgebildet war. Wie bei Hermes, dem Götterboten, befanden sich zwei kleine Flügel am Oberschenkelschaft der Prothese. Die Prothese kann wohl noch mehr.

Sport

Die Prothese im Sport erlangt immer mehr Aufmerksamkeit, sie wird immer ausgefeilter, die Prothese ist nicht mehr die Prothese im klassischen Sinne, sie ist ein Sportgerät.
Der Umgang mit ihr ist wie der mit einem Sportgerät, im Hochleistungssport sieht sie der "normalen" Prothese nicht mehr ähnlich.
Das Hauptaugenmerk liegt auf der Funktion, die Identität wird über den Versuch zu Siegen erreicht und nicht über die Ästhetik.

Behindertensport

Behindertensport ist nicht nur Sport für und von Behinderten, sondern auch behinderter Sport.
Menschen versuchen eine Sportart auszuüben, die nicht ihrer Natur entspricht und das sieht "behindert" aus.
Behindertenbasketball zum Beispiel, eine Sportart wie geschaffen für den Rollstuhlfahrer?
Anstatt eine Sportart zu entwickeln, für die der Rollstuhlfahrer wie geschaffen ist!

Farbigkeit

In der Orthopädie war die Farbe bis vor fünf Jahren ein absolutes Fremdwort. Die einzig existierende Farbe hieß "Fleischfarben" with a touch of white. In den letzten paar Jahren hat sich etwas getan: Der Einzug der Farbe in die Orthopädie. Bei den Kindern hat man angefangen, Nachtlagerungsschienen aus farbigem Polyethylen herzustellen, daraufhin folgten Geh-Orthesen bis hin zu den Prothesen, also von temporären Benutzern zu lebenslänglichen Trägern.

Im letzten fall ist es in erster Linie keine Geschmackssache, sondern ein Bekenntnis: ich stehe zu meiner Prothese und noch mehr, ich mache darauf aufmerksam. Was den Erfolg haben soll, daß die Leute nicht den Menschen anglotzen, sondern die Erscheinung der Prothese betrachten und das Handycap außen vor lassen.

Persönliches Beispiel

Das Segelboot nähert sich im Pulk der Regatta dem Ufer, alles scheint normal zu sein, bis auf den sehr langen Namen am Bug: "Guck mal Mama, mit nur einem Arm", heißt das Boot.
Im Laser, zu dessen Beherrschung zwei Hände notwendig sind, sitzt ein Mann mit nur einem Arm.
Er setzt sich einfach darüber hinweg, die Akzeptanz der anderen wird vorausgesetzt, er akzeptiert sie durch sein gleichberechtigtes Auftreten und durch die gleiche Bewertung.

Kopie des Originals

Es ist nicht möglich, die Identität über Funktion oder Ästhetik beim Versuch der Kopie zu erlangen, obwohl viele Menschen an diesem Ziel arbeiten und es nie erreichen werden. Der Betrachter kann vielleicht getäuscht werden, der Prothesenträger der zwangsläufig 24 h mit dem Ersatzteil beschäftigt ist, kann nicht getäuscht werden. Er muß sich damit abfinden, und den Rest seines Lebens mit dieser Situation angefreundet haben. Darum geht es, um ein positives Auskommen mit dem Schmuckglied. Es ist nicht möglich, daß die Prothese ein Teil von einem wird und der Versuch, dies über eine Kopie zu erreichen, wird mißlingen.

Symmetrie des Körpers
Symmetrie des Geistes
Symmetrie zwischen Geist und Körper

Das Bestreben ist es, ein Gleichgewicht zwischen Körper-Ich und Körper-Bild herzustellen.
In welchem Zusammenhang stehen die drei obengenannten Symmetrien? Meiner Meinung nach können sie einerseits voneinander abhängig sein, aber auch unabhängig voneinander bestehen.

Bildlich kann ein einziger Leberfleck, der sich auf der rechten Schulter befindet, das körperliche Gleichgewicht stören, ohne daß es Einfluß auf das physische hat. Es hängt davon ab, wieviel Wichtigkeit man diesem Leberfleck beimißt, im Extremfall entfernt man diesen. So ist die Symmetrie wieder hergestellt. Andere "Handycaps" sind nicht so einfach zu beseitigen, wie zum Beispiel die Körpergröße, fühlt man sich zu klein und möchte dies ändern, ist es nur temporär, durch Einlagen, Absätze oder gar Stelzen möglich. So kann der Eindruck von Größe für den Betrachter vermittelt werden, in diesem Falle bleibt nur der Unwissende unwissend.

...die gläserne Werkstatt

Der zukünftige Prothesenträger wird vom Orthopädiemechaniker an die Hand genommen und hat die Möglichkeit, den Bau seiner Prothese zu begleiten. Ihm werden die einzelnen Schritte beim Bau der Prothese erklärt. Er sieht, wie eine Prothese gebaut wird und damit ist sie für den Prothesenträger etwas verständlicher und nahbarer. Er kann auch dem Orthopädiemechaniker eigene Vorschläge unterbreiten, so daß dieser sie in die Realiät umsetzen kann. Die sonst verschlossene Werkstatt öffnet ihre Türen.

Die Prothese als...
...Rollthese, Telethese, Skithese, Schlittthese, Schwimmthese, Tauchthese, Springthese...

Eine Funktion, die der Fuß nur als Kompromiß erfüllt, wird fokussiert und perfektioniert. Anstelle des Fußes wird dem Prothesenträger ein Spezialprodukt angepaßt und erhält dadurch im fokussierten Bereich Vorteile.

sichtbar/unsichtbar/hypersichtbar

Der Versuch, die Prothese unsichtbar fleischfarben erscheinen zu lassen, kann nur mißlingen, da es sie gibt. Also ist sie sichtbar. Sichtbar allein ist uninteressant, sie wird hypersichtbar, wird zu einem Statement, zum eigenen Markenzeichen.

Mario Wolf

"Vor ein paar Wochen rief mich Andreas aus der orthopädischen Werkstatt des OHH an. Er sagte mir, daß er jemand kennen würde, der seine Diplomarbeit schreiben wird und für sein gewähltes Thema jemanden bräuchte, der eine Prothese trägt und grundsätzlich an einer Projektteilnahme interessiert sei. Ich sagte Andreas, daß ich grundsätzlich interessiert sei. Nach diesem Anruf überlegte ich erst mal eine Weile, um was für ein Thema es überhaupt gehen könnte. Ich mußte die Überlegungen jedoch aufgeben, da ich keine Ahnung hatte, was für ein Thema man für ein Diplomthema wählen müßte oder könnte. Also wartete ich auf den Anruf von diesem jemanden, der Tim hieß wie sich herausstellte. Als Tim mich anrief, erklärte er mir erst mal kurz, um was es überhaupt geht. Da ich die Idee, die Tim hatte, interessant fand und interessiert war, erklärte ich mich mit einem Treffen einverstanden, bei dem er mir das Thema der Diplomarbeit noch einmal genau erklären könnte und mir Stephan, seinen Freund und Helfer, vorstellen könnte.

Im Gespräch kam heraus, daß die Prothese nicht mehr als Beinersatz gesehen werden soll, sondern daß die Prothese etwas persönliches bekommt. Ich war von dieser (seiner) Idee begeistert, nicht weil ich so etwas noch nie gehört habe, sondern weil ich schon mal daran gedacht hatte, die Prothese irgendwie zu verändern, damit sie auch für etwas anderes zu gebrauchen ist. Natürlich benutze ich die Prothese nicht nur zum Laufen. Ich habe in Österreich auch schon einen Baum gefällt, aber dafür wird sie normalerweise nicht gebraucht...

Man könnte auch eine Prothese mit Rollen anstatt mit einem Fuß bauen. Von dieser Idee war ich erst nicht so begeistert, weil ich nicht wußte, ob ich die Kräfte, die dabei auf den Stumpf wirken, aushalten oder ausgleichen könnte. Wir, das heißt, Tim, Stephan und ich, haben uns jedoch darauf geeinigt, daß man diese Idee mal ausprobieren könnte. So ist die Rollthese entstanden. Sie soll nicht so aussehen wie ein Bein und hat auch einen anderen Aufgabenbereich. Ich bin froh, daß wir diese Idee verwirklichen konnten, denn es macht viel Spaß mit ihr zu "laufen" und zweitens sieht sie auch spitzenmäßig aus.

Tim Brauns Arbeit wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, etwa mit dem Ersten Internationalen Audi Design Förderpreis.

mehr zu dem thema unter projekte rollthese


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