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tagesspiegel - re-form

Berliner Tagesspiegel am 18.09.99

Immer gut sitzen mit "e27"
Ein junges Designbüro entwickelt alte Lösungen neu

Flohmarktfundstücke baumeln von der Decke. Wie Mobiles schweben die ihrer Bestimmung entrissenen Produkte in der luftigen Fabriketage: ein winziger Wäschetrockner zum Anklemmen für den Kohleofen, Hocker und Klappsitze oder ein Zweirad-Spazierstock, der als Gehhilfe und praktisches Transportmittel für den kleinen Einkauf gedacht ist. Die drei jungen Designer von "e27", die seit 1993 ihr Büro in Berlin haben, interessieren sich für clevere Funktionstechniken und einfache Problemlösungen. Nicht so sehr das "Was", sondern das "Wie", die Heransgehensweise an Probleme, beschäftigt sie.

Dabei arbeiten die Designer in unterschiedlichen Bereichen, entwickeln und gestalten Produkte, Konzeptionen und Navigationssysteme für Websites, Firmen-Events, Happenings oder Ausstellungen. Namensgeber für "e27" war die Din-Norm einer Lampenfassung, die sogenannte Schnittstelle zwischen Strom und Licht.
Die Osram-Reklame stand dabei Pate : "Immer gutes Licht mit e27".

Die Designer bezeichnen sich als "Debrouillards", das wörtlich übersetzt entnebeln bedeutet. Es ist in Frankreich ein feststehender Begriff für jemanden, der sich zu helfen weiß, es versteht, mit dem Vorhandenen umzugehen. Die längst eingestellte Zeitschrift "System D" (D für Debrouillards) mit 50er Jahre Heimwerker-Charme ist ihnen eine Art Vorbild. Dort wurden neben Reparaturtipps für Brillen, Schnittmustern für den Eigenbau eines Campingwagens auch überzeugend patente Bastelanleitungen für so obskure Dinge wie einen Türstopper veröffentlicht.

"Es werden so viele Sachen von Grund auf entwickelt," erklärt Fax Quintus die Firmen-Philosophie, "dass wir den Standpunkt vertreten, die Bestlösung gibt es schon. Man muss nur aus dem Potpourri rausgreifen." Ihre Objekte nennen sie dann auch "re-Produkte". Nicht die Problemlösung ist neu, sondern der Kontext. Für ein Krankenhaus haben sie das Orientierungssystem "re-frame" entwickelt, das auf CD-Hüllen basiert. In sie werden die Schilder gesteckt, die sich leicht gestalten und auch auswechseln lassen.

Für die Telekom haben e27 im letzten Jahr den aufblasbaren Sitzsack "re-form" konstruiert. Die Technik des formflexiblen Sofasessels mit luftdichter Hülle, Spezialventil und einer Füllung aus Styroporkügelchen stammt aus der Orthopädie, wo man sie für die Herstellung von Kindersitzen benutzt. Das Sofakissen, in dem es sich weich wie auf Sand lümmeln lässt, passt sich der Körperform an und kann in beliebigen Positionen stabilisiert werden. "Wenn man die Luft mit Staubsauger oder Vakuumpumpe herauszieht, wird er hart und verfestigt sich", erklärt Tim Brauns die Mechanik. Er hat vor seinem Industriedesign-Studium Orthopädie-Mechaniker gelernt, seine Diplomarbeit über Prothesen und Orthesen geschrieben und eine "Rollthese" entwickelt, die wie ein Rollerskate aussieht und wie ein Roller funktioniert.

Zur Zeit sind die e27-Designer dabei, die Produktionsbedingungen ihres stapelbaren Schaukelstuhl "re-tire" zu klären, der aus einem schlichten Stahlrohrrahmen besteht. Vorbild der Konstruktion ist ein Exemplar aus den Fünfzigern, bei dem ein Tüftler das kurvenartige Untergestell an einen normalen Gartenstuhl geschraubt hatte. Die Berliner Designer entdeckten ihn zufällig auf dem Flohmarkt. Wie beim Sitzsack "re-form" gilt auch hier der Wunsch nach einer lockeren, neuen Gemütlichkeit.
"Nicht kippeln verbieten, sondern Schaukeln erlauben", meint Fax Quintus.

(Nora Sobich)

FLEXIBEL. Das Sitzmöbel "re-form" von e27.


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