virtuelle kommunikation mai 1998
die neue dimension der gestaltung
die fachzeitschrift "virtuelle kommunikation" veröffentlicht im mai 98 diesen artikel von e27. dieser basiert auf einem vortrag den tim brauns, hendrick gackstatter und fax quintus auf der messe "pack it '98" in basel gehalten hatten.
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Virtuelles Design ist mit dem Internet zu einem Modebegriff geworden. Was dies in der Realität bedeutet, zeigt ein Fallbeispiel.
Virtuell, virtual, VR, Cyberspace sind Modeworte, scheinbare Allgemeinplätze, und doch kann man kaum erklären, was damit gemeint ist.
Deshalb erst einmal von Anfang an:
Virtuell heißt soviel wie scheinbar, der Duden sagt uns, "der Kraft der Möglichkeit nach vorhanden", von Computern ist also noch keine Rede.
Glücklicherweise sind wir Designer und werden jetzt den Begriff nach unserem Verständnis definieren.
Virtuell ist für uns alles, was den Anschein von Realität hat, aber nicht materiell vorhanden ist. In dieser Definition ist schon die Darstellung eines nicht vorhandenen Objekts, eines Sachverhalts "virtuell".
Bereits ein Video, das Dinge, Menschen oder Sachverhalte zeigt, die es nicht gibt oder die nicht wirklich sind, ist virtuelle Realität.
Kurz: Virtuelle Realität hat nicht unbedingt etwas mit großen Computern zu tun.
Trotzdem sind wir Designer von der Virtualität ganz begeistert, da wir mit ihrer Hilfe Objekten oder Konzepten schnell scheinbare Realität verleihen können, um sie zu kommunizieren. Virtuelle Dinge können sehr schnell und einfach reisen, da sie nicht den Balast der Materie mit sich schleppen.
Fangen wir mit Low-Tech-Lösungen an:
Als wir im Oktober '97 Andersen Consulting das Konzept für eine, zugebenermaßen verhältnismäßig aufwendige Präsentation verkaufen mußten, erzählten wir kurzerhand die Geschichte der Show, als hätte sie bereits stattgefunden.
Durch die Narration hatten die Kunden eine präzise bildliche Vorstellung dessen, was wir vorhatten und erteilten uns den Auftrag.
Auch die eigentlich digitale Sampling-Kultur kann Low-Tech sein: Vorhandene Dinge werden umformuliert, neukombiniert, so daß neue Zusammenhänge entstehen.
Diese Methode kann Entwurfs- und Entwicklungsprozesse extrem beschleunigen, da für die meisten Fragestellungen bereits Lösungsansätze existieren und direkt oder transformiert übernommen werden können.
Unsere sehr analoge Variante des Samplings ist ein Orientierungssystem, das wir unlängst für "die Gesundheitshäuser" in Berlin entwickelt haben. Eine sehr kostengünstige und vor allem flexible Lösung mußte gefunden werden, tradionelle Schilder, zum Stückpreis von 100 DM kamen nicht in Frage.
Die Lösung waren transparente CD-Hüllen, die an Trägern aus gebogenem Edelstahlblech an der Wand befestigt werden. In die CD-Hüllen wurden die auf Karton gedruckte Beschriftung eingelegt, so daß die Verwaltung bei Namesänderungen die Schilder schnell selbst abändern kann. Hierfür lieferten wir Wordvorlagen, damit die einheitliche Gestaltung gewährleistet bleibt.
Auf diese Weise haben wir ein Orientierungssystem entwickelt, dass flexibel ist und durch einen Endpreis von ca. 20 DM pro Schild mit einem Fünftel der üblichen Schilderkosten zu Buche schlägt.
Was aber hat das mit virtueller Produktentwicklung zu tun?
Virtuelle Produktentwicklung ist dann ein starkes und effizentes Instrument, wenn intelligent mit ihr umgegangen wird und im Zusammenhang mit gründlicher Konzeption steht.
Da wir gerade durch die digitalen Medien zeitlich effektiver arbeiten können, kann der Fokus auf die gründliche Konzeptentwicklung gelegt werden.
So haben wir in dem Andersen-Projekt weitestgehend auf physische Präsentationen verzichtet, das Projekt wurde über eine "worksite" im Internet entwickelt. Das heisst, dass der Projektentwurf medial zur Disposition gestellt wurde und dem Klienten auch über das Netz zugänglich gemacht wurde. Dadurch wurden Entscheidungen ortsunabhängig über solche "virtuellen" Präsentationen gefällt.
Gerade wenn wir mit Kunden zusammenarbeiten, die enge Zeitpläne haben und viel reisen, besteht das Problem, Präsentationstermine mit allen Verantwortlichen zu finden, Entscheidungen werden dadurch häufig um Wochen verzögert, wenn nach der traditionellen Präsentationsmethode gearbeitet wird. Eine Entwicklung, die in einem Monat bewerkstelligt werden kann, erstreckt sich dann über den Zeitraum von einem halben Jahr.
Was dies gerade in schnellen Märkten bedeuten kann, ist leicht auszumalen, "worksites" mit angeschlossen Dikussionsforen können zu jeder Zeit von jedem Ort besucht werden, Änderungen im Entwurf können dem Kunden sofort präsentiert werden.
Computer Aided Design
Erst jetzt lohnt es sich, über den geläufigen Begriff der virtuellen Produktentwicklung zu sprechen: dem "Computer Aided Design".
Hierunter versteht man einen computergestützen Entwicklungsprozeß, der auf digital erstellten Modellen aufbaut und die Rechenfähigkeiten des Computers nutzt.
"Computer Aided Design", kurz CAD, geistert als Begriff bereits seit den 70er Jahren durch die Köpfe von Entwicklern und ist im Ingenieursbereich seit Ende der 80er Jahre "State of the Art".
Im Design, in seiner kreativen Bedeutung als Gestaltung hingegen, herrscht meist noch Anachronismus; meist wird analog entwickelt, digital visualsiert, gleichzeitig herkömmlicher und zeitaufwendiger "High-End"-Modell- und Prototypenbau betrieben.
Design ist Kommunikation und genau darin liegt der Vorteil des digitalen Designs; digitale Modelle können die Grundlage für verschiedenste Beurteilungen darstellen und durchgängig von allen an einer Entwicklung beteiligten Teams genutzt werden.
Die Kommunikation wird beschleunigt, da Medienbrüche vermieden werden, Missverständinisse, die sonst oft zu Verzögerungen führen, entfallen.
Der intelligente Einsatz von CAD setzt allerdings voraus, dass man das richtige Medium für die richtige Sache einsetzt.
Digitale Modelle können schnell und ohne große zusätzliche Kosten in allen Parametern wie Form, Farbe, Textur und Graphik verändert werden, Variantenbildung ist sicherlich einer der größten Vorteile dieses Systems.
Visuell kann das neue Produkt schon im frühen Entwicklungsstadium in "High-End"-Qualität beurteilt werden.
Die Haptik, größtes Problem der virtuellen Produktentwicklung braucht aber kein lackiertes, perfektes Prototypenmodell, das je nach Komplexität, Wochen der Entwicklungsarbeit verschlingt.
Zudem können diese virtuellen Modelle in den oben beschriebenen "worksites" präsentiert werden, was zusätzlich Zeitersparnis bedeutet.
In der Endphase der eigentlichen Entwicklung wird ausserdem Zeit und Geld gespart; im Prototypen-, Urmodell- und Formenbau.
Unsere digitalen Modelle dienen uns als Basis für "Rapid-Prototyping".
"Rapid-Prototyping" steht für vollautomatiserte Modellgenerierung direkt aus dem Rechner. Man unterscheidet hierbei zwischen zwei grundlegenden Systemen; den generativen und den spanabtragenden.
Spanabtragende Systeme sind meist Fünfachfräsen, die den Prototyp aufgrund der Modelldaten aus einem Metall- oder Kunststoffblock fräsen.
Generative Verfahren lassen das Modell aus Flüssigkeiten oder Pulver "wachsen".
Mit diesen Verfahren sind Hohlräume und Hinterschnitte möglich, die mit gewöhnlichen Fertigungsmethoden undenkbar sind.
Das gängigste Verfahren ist die Stereolithographie, bei diesem System entsteht das Modell in flüssigem Kunstharz, das von einem Laser gehärtet wird.
Interessanter ist das neueste System von DTM, ein Lasersinter-Verfahren. Dieses Verfahren verwendet Pulver anstelle von Harz, wobei durch die größeren statischen Eigenschaften des Pulvers eine höhere Modellgenauigkeit erreicht werden kann.
Zudem ist es möglich, statt Kunststoff Metallpulver einzusetzen, wodurch stabilere Modelle entstehen, die als Basis für die Herstellung von Gußformen dienen können. Mit diesem System können sogar Spritzgußformen für Kleinserien hergestellt werden, die kostenintensive Werkzeugherstellung bei der Einführung eines neuen Produktes entfällt.
Die Formen entsprechen zwar, aufgrund der geringen Härte des Sintermetalls, im bezug auf Standzeiten nicht den Anforderungen der Großserienfertigung, es besteht aber die Möglichkeit, sie als Basis für die endgültigen Formen zu verwenden.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die virtuelle Produktentwicklung heute erhebliche Vorteile gegenüber traditionellen Prozessen bietet. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der Gestaltungsprozeß diese Vorteile intelligent nutzt und dabei nicht vergessen wird, was alle diese neuen Systeme sind: Werkzeuge.